Wie viel Netzwerk braucht der Mensch? Hilfloses und unsinniges Networking. © spothits/gerd altmann/
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Mit sozialen Netzwerken ist es wie mit Car-Sharing: Es gibt unzählige Anbieter, wobei jeder von sich behauptet, der beste zu sein. Diesen Anspruch kann man zunächst niemandem absprechen, garantiert ein Alleinstellungsmerkmal doch wirtschaftlichen Erfolg. Aber wie groß sind die Unterschiede der Plattformen wirklich? Und braucht man sie am Ende überhaupt?
Es ist anstrengend, all seine Web-Profile auch nur annähernde aktuell zu halten. Und als bewege man sich mit den einschlägig bekannten Diensten nicht schon an der eigenen Leistungsgrenze, kommen immer neue Portale hinzu.
Im Netzwerk nichts Neues
Doch die Chancen solcher Plattformen, bereits aktive Netzwerker zu gewinnen, nehmen allmählich ab. Denn unter den Nutzern reift die Erkenntnis, nicht auf allen Hochzeiten tanzen zu müssen. Zumal am Ende ohnehin nichts Neues auf Portal F veröffentlicht wird, was nicht schon längst bei den Plattformen A bis E online verfügbar wäre. Denn um etwas Neues produzieren zu können, muss man sich auch mal abmelden und raus gehen.
Nur nichts verpassen
Dennoch kommt der aktive Netzwerker bei jedem neuen Angebot ins Grübeln. Denn eine Chance, Leser zu gewinnen, möchte niemand ungenutzt lassen. Genau darauf zielen die Angebote ab: auf die Hoffnung neue Leser zu binden. Aber in der Regel bleibt es bei besagter Hoffnung. Der Einzige, der den Traffic gewinnbringend nutzen kann, ist der Plattformbetreiber des neuen Netzwerks. Man selbst hat einmal mehr seine Daten preisgegeben und wird im Folgenden mit Informationen überhäuft, die darauf abzielen, zu überzeugen, wie gut es für einen selbst wäre, Beiträge auf dem neuen Portal zu veröffentlichen.
Vom wachen Netzwerk-Geist
Und das, obwohl jeder halbwegs wache Netzwerk-Geist weiß, dass Unique Content doch um einiges besser auf der eigenen Seite aufgehoben ist. Wozu also sollte man ein Fremdportal beliefern? Das Zauberwort heißt Linktausch. Schreibst Du für mich, gebe ich Dir … Die allmächtige google-Mutter honoriert diesen Vorgang. Wenn man sich dazu hinreißen lässt, sollte man nur tunlichst darauf achten, ein Portal zu befüttern, das im Ranking besser dasteht als das eigene. Dann steigt das eigene Portal auf wundersame Weise im Page-Ranking des google-Systems. Plötzlich haben die Inhalte Qualität, die kurioserweise bislang nicht vorhanden gewesen sein soll.
Sinnfreies Klicken
Der hier geführte google-Nachweis qualitativer Beiträge ist im Einzelnen noch nachvollziehbar. Vollkommen abstrus geht es hingegen bei Facebook zu. Wer hier eine Fanpage seiner Onlinepräsenz anlegt, wird noch während der Anmeldung mit Werbeangeboten überhäuft. Hiernach würden für zehn Dollar Leute per Mail aufgefordert, die eigene Fanpage zu liken. Diese Leute kennen weder den Seitenbetreiber noch dessen Produkte oder Beiträge. Sinnfreies Klicken für Geld. Mehr steckt also nicht hinter einigen der Facebook-Likes.
Abgestraft
Wer sich nicht für die Facebook-Kampagne entscheidet, wird zunächst einmal abgestraft. Denn der bekommt erst dann eine Statistik eigener Besucherzahlen zu Gesicht, wenn mehr als 30 Freunde den Like-Button gedrückt haben. Hier allerdings dürfte die Aussagekraft der Likes weit höher sein, als die luftleeren Beurteilungen hunderter gekaufter Likes.
Sei online, und du bist …
Trotz derlei sinnfreier Auswüchse ist Networking hilfreich. Denn unbestritten existiert nur, wer Onlinepräsenz lebt. Je besser man es versteht, die Kanäle zu nutzen, desto breiter ist die Streuung eigener Inhalte. Und das gilt leider auch für eine Vielzahl von Äußerungen, die, gezwitschert im Offline-Zeitalter, schlicht als Papierverschwendung bezeichnet worden wären. Und weil jede These nur so gut ist, wie das sie untermauernde Beispiel, sei eine Zwitscher-Orgie um den Umlaut »Ä« genannt. Ein fest in der Medienwelt verankerter Multiplikator zwitscherte vor einigen Tagen ein »Ä«. Das wäre kaum bemerkenswert, hätten sich nicht ebenfalls in der Branche stehende Multiplikatoren genötigt gefühlt, diese Umlaut-Äußerung zu kommentieren. Abschließend stellt sich die Frage: Warum kam es zu dieser »Kommunikation«, will man in diesem Zusammenhang überhaupt von einer Kommunikation sprechen?
Medienpräsenz und inhaltsleere Blasen
Die Erklärung ist so einfach wie bedenklich: Medienpräsenz. Die hat man, oder man hat sie eben nicht. Wer mehrfach täglich zwitschert, wird irgendwann wahrgenommen. Das bedeutet allerdings nicht zwangsläufig, dass derjenige auch ernst genommen wird. Denn immer nur inhaltsleere Blasen zu produzieren schadet eher, als dass es nützt. Ja und ein bisschen kommt dabei auch der Egomane durch, denn schließlich warf das »Ä« eine Persönlichkeit in den Zwitscher-Ring, mit der man selbst nun eine »Unterhaltung« hatte. Das wiederum trifft es jedoch nur zum Teil, denn der Verfasser des »Ä« hat sich kein weiteres Mal geäußert. Stattdessen entwickelte sich eine Unterhaltung unter denen, die gern mit dem Verfasser gesprochen hätten.
Und so scheint auch im Internetzeitalter dem aus der Offline-Lebenswelt stammenden olympischen Gedanken, dabei gewesen zu sein, eine nach wie vor bedeutsame Rolle zuzukommen.

