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Wahlkampf! Politiker ergründen die Lebenswelt des Wählers. Berlin: Reichstag
© victor peschel
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Es ist Wahlkampf und plötzlich interessieren sich alle Parteien für das Leben der Leute, die sie wählen sollen. Plötzlich werden zuvor unvereinbare Gegensätze, wie etwa der Eingriff in die Tarifautonomie, legalisiert und als Herzensangelegenheit verkauft
Unisono
Jetzt sind alle Parteien für Mindestlöhne, ganz gleich welche Bezeichnung sie dem Thema geben. Es wächst die Erkenntnis, dass etwas nicht stimmt, mit dem moralisch-ethischen Verständnis einiger Unternehmen.
Dabei geht es schon lange nicht mehr nur um gerechte Entlohnung. Vielmehr sind es immer Befristungen, Leiharbeitsverträge und seit neuestem, sogenannte Werkverträge, die so ziemlich alles an rudimentären Gesetzesgrundlagen aushebeln, was irgend geht. Denn Werkverträge bedeuten für immer mehr Arbeitnehmer das Eintauchen in einen nahezu rechtsleeren Raum.
Diese Erkenntnis reift nun auch bei den Politikern, die ja wegen des Wahlkampfes in diesen Tagen das eine ums andere Mal ins Leben ihrer Wähler abtauchen.
Erwerbsbiografie
Dennoch dürfte der Polit-Klimbimm wohl nach dem heißen Herbst schnell wieder abnehmen. Dann nämlich, wenn sich die Angehörigen der Legislative wieder ihren Erwerbsbiografien zuwenden, die ja am Ende keine Lücken aufweisen sollen.
Eine lückenlose Abfolge der Beschäftigung ist indes für viele Menschen heute nicht mehr möglich. Da wundert es kaum, dass es immer mehr professionelle Politiker und kaum mehr Politiker mit Profession zu geben scheint. Denn viele der gewählten Volksvertreter sind »Berufspolitiker«, die als mehr oder weniger gute Rhetoriker gerne mit Worthülsen hantieren oder in Detailarbeit abtauchen. Beides führt dazu, dass der Wähler den Gedankenströmen kaum mehr folgen kann. Zudem rückt dabei eine Problemlösung in weite Ferne.
Entrückung des Politikers
Ein weitere Punkt der »Entrückung des Politikers« aus dem normalen Wähler-Dasein sind teilweise schon nach vier Jahren Amtsausübung erworbenen Rentenansprüche. So können hier durchaus mehr als 3.000 Euro nur für diese Zeit bei Renteneintritt zur Ausschüttung kommen. Das sind Beträge, die selbst ein Facharbeiter mit makelloser Erwerbsbiografie von 40 und mehr Jahren nicht in einem Leben hinbekommt.
Nun schlagen die Wellen der Entrüstung hoch, dass es Menschen gibt, die Aufstocken müssen, weil sie von ihrem Vollzeitjob nicht leben können. Hui – und das sind bei weitem keine Arbeitsscheuen oder Schulabbrecher. Vielmehr geht dieser Riss quer durch die Gesellschaft. Betroffen sind Ungelernte ebenso, wie Universitätsabsolventen.
Große Verwunderung
Ein Ausweg aus der Misere sollte die Leiharbeit sein. Überraschend zeigte sich jedoch nach etwa zehn Jahren Agenda 2010, dass Unternehmen gewinnorientiert arbeiten. Und noch überraschender war, dass Unternehmen versuchen Kosten einzusparen. Warum also bitte nicht Lohnkosten, wenn die doch teilweise vom Staat übernommen werden?
Bleibt also nur noch abzuwarten, welche Details der vollmundigen Wahlversprechen am Ende den Weg in die Lebenswelt des Wählers finden.
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