Auf eine Rettung durch den Hersteller darf man nicht zählen

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Die Roland‑Berger‑Studie „Automotive Mittelstand 2026“ legt ein überraschendes Bild offen: Während mehr als 70 Prozent der befragten kleinen und mittleren Zulieferer die Branchenlage als schwierig bewerten, sehen sich zugleich 59 Prozent selbst besser positioniert als ihre Wettbewerber. Automotive Produktion konnte die Studie vorab einsehen und sprach mit Matthias Nagl, einem der Autoren, über die Folgen dieses sogenannten Reality Gap für den Zulieferermarkt.

Reality Gap: Wenn Branchenwissen nicht in Handlung mündet

Die Diskrepanz zwischen allgemeiner Branchenpessimismus und optimistischer Selbsteinschätzung vieler Unternehmen überrascht die Studienautoren. Nagl erklärt, dass das Problem weniger psychologisch als strukturell zu verstehen sei:

Leere Montagelinie in einer Zuliefererfabrik, Symbol für fehlende Anpassung an geringere Stückzahlen
Viele Mittelständler arbeiten noch mit Anlagen für hohe Stückzahlen.

Viele Mittelständler arbeiten noch mit Geschäftsmodellen und Anlagen, die für hohe Stückzahlen ausgelegt wurden. Sinkende Volumina, unvorhersehbare Nachfrageschwankungen und neue Wettbewerber, vor allem aus China, machen diese Modelle zunehmend untauglich.

Was das konkret für Strategien bedeutet

Nach Ansicht der Studie sollten Zulieferer ihre Rolle neu definieren und ihr Portfolio erweitern. Statt sich ausschließlich als „Automotive‑Spezialisten“ zu sehen, empfiehlt Nagl, das eigene Technologieprofil auch für andere Industrien nutzbar zu machen.

Das ist jedoch oft leichter gesagt als getan: Fabriken, Anlagen und frühere Investitionsentscheidungen lassen sich nicht kurzfristig umstellen. Zudem verlangt die Transformation zusätzliche Mittel, weil Komponenten an Elektrifizierung und neue Softwarearchitekturen angepasst werden müssen.

Wie OEMs in Krisen entscheiden

Ein weiterer zentraler Punkt: Automobilhersteller sichern Hilfe nicht automatisch zu. OEMs prüfen systematisch, welche Risiken ein angeschlagener Zulieferer für Produktion, Standorte und andere Lieferkettenpartner bedeutet.

Kommt ein Lieferant mehrfach als strukturell fragwürdig wahr, sind finanzielle Hilfen an klare Umstrukturierungen gebunden. Bleiben diese aus, suchen Hersteller alternative Partner.

Finanzierung und die Rolle von Private Equity

Private Equity wird in der Studie als mögliche Finanzierungsoption genannt, bleibt im Mittelstand aber umstritten. Bei Familienunternehmen stößt das Exit‑orientierte Geschäftsmodell oft auf Skepsis.

Zwei Hände beim Handschlag über Vertragsunterlagen, Symbol für Private‑Equity‑Verhandlungen
Private‑Equity kann Kapital bringen, verlangt aber oft strenge Bedingungen.

Nagl betont, dass PE‑Investoren und Zulieferer voneinander lernen müssen: Ein zu aggressives Vorgehen kann Vertrauen zerstören, zugleich bieten externe Investoren Kapital und Know‑how für Restrukturierungen.

Wer gerät in die Mangelzone — wer profitiert?

Die Studie zeigt: 95 Prozent der Befragten erwarten eine deutliche Konsolidierung. Besonders gefährdet sind kleinere Betriebe mit einseitiger Kundenstruktur und geringem Eigenkapital.

Kann ein Werk plötzlich kein positives Ergebnis mehr liefern, bedroht das schnell das gesamte Unternehmen. Dagegen stehen Unternehmen mit klaren technologischen Alleinstellungsmerkmalen und breiter Kundenbasis besser da. Solche Anbieter können bei ausreichender Liquidität sogar als Übernehmer auftreten.

Wie die Konsolidierung ablaufen dürfte

Nicht alle Veränderungen werden spektakulär sein. Nagl rechnet mit vielen leisen Anpassungen: Portfolio‑Anpassungen, schrittweiser Markteintritt in andere Branchen und ein fortgesetzter Abbau von Beschäftigung, ohne große öffentliche Schlagzeilen.

Technologiebrüche treffen unterschiedlich

Entgegen vereinfachten Erwartungen sind klassische Verbrenner‑Zulieferer nicht automatisch die Hauptverlierer. Viele Mittelständler finden weiterhin Nischen. Gleichzeitig haben einige Hersteller Überschätzungen beim Elektrohochlauf vorgenommen, was zu unterausgelasteten Strukturen und teils schlechten Margen führte.

Neue Softwarearchitekturen stellen zusätzliche Anforderungen: Standardteile müssen oft in komplexere Systeme integriert werden, was Entwicklungskapazitäten und Erfahrung erfordert.

Chancen bleiben — aber nicht für alle

Trotz des Strukturwandels sieht Nagl Gründe für Optimismus: Deutscher Mittelstand verfügt über ein hohes Technologie‑ und Management‑Know‑how sowie eine gewisse organisatorische Flexibilität. Das erleichtert die Neuausrichtung von Produkten, Dienstleistungen und Absatzmärkten.

Praktische Handlungsfelder für Zulieferer

  • Portfolio verbreitern und Technologien für andere Industrien nutzbar machen
  • Finanzierungsstrukturen sichern und Liquidität stärken
  • Klare technologische Alleinstellungsmerkmale herausarbeiten
  • Partnerschaften mit Kapitalgebern oder Nachbarn prüfen, statt sich allein zu tragen

Defence als Alternative — begrenzte Wirkung

Als Ausweichmarkt taugt die Verteidigungsindustrie für einige Unternehmen, betont Nagl. Allerdings sind dort Volumina kleiner und Zugänge langsamer. Defence kann helfen, ist aber kein Ersatz für wegfallende Automotive‑Mengen.

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