spothits-Buchtipp Erich Fromm: Haben oder Sein – Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft

Erich Fromm: Haben oder Sein – Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft. © spothits/dtv
Erich Fromm: Haben oder Sein – Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft. © spothits/dtv
Erich Fromm: Haben oder Sein – Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft. © spothits/dtv
Erich Fromm: Haben oder Sein – Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft. © spothits/dtv

Liefert Erich Fromm mit »Haben oder Sein« eine Bibel für Mittellose? Wohl kaum. Auch ein Entwurf für asketisches Leben ist der Band keineswegs. Vielmehr fragt der Philosoph und Sozialpsychologe, welche Alternativen es zum jetzigen System gibt. Dabei leuchtet jedem ein, dass es so wie bisher nicht weiter gehen kann. Denn unendliches Wachstum gibt es nicht. Diese Erkenntnis sollte auch in der Wirtschaft allmählich angekommen sein.

Zocken bis der Arzt kommt

Auf Teufel komm raus zocken, bis alles zusammenbricht, mag dem einen oder anderen noch ein paar Vorteile bescheren. Am Ende führt es unweigerlich in die Katastrophe. Und ob die gehorteten Schätze dann noch helfen, darf bezweifelt werden. Denn wer braucht schon drei Autos, wenn er am Ende doch nur eines fahren kann?

Paukenschlag als Einstieg

»Haben oder Sein« gilt als Einstiegswerk in Fromms Gedankenwelt. Stimmt: Denn schon die Einführung überzeugt. Messerscharf analysiert Fromm den Ist-Zustand heutiger Industriegesellschaften der westlichen Welt. Dazu untersucht er die Begriffe »Haben« und »Sein« in unterschiedlichen Sinnzusammenhängen. So etwa anhand des Alten und Neuen Testaments unter Zuhilfenahme der Lehren griechischer Philosophen und den Überlegungen des spätmittelalterlichen Theologen Meister Eckhardt aus dem 13. Jahrhundert bis hin zu Karl Marx sowie Politikern heutiger Tage. Am Ende lässt er den Leser aber nicht vor einem Scherbenhaufen stehen, sondern zeigt Wege, wie die Katastrophe abgewendet werden kann.

Gleichheit ja, aber kein Einheitsbrei

Wenn Fromm von Gleichheit spricht, meint er nicht, dass alle nichts haben. Vielmehr dürften Einkommensunterschiede nicht so gewaltig sein, dass Leben in verschiedenen sozialen Schichten zu unterschiedlichen Lebenserfahrungen führe. Genau das geschieht gegenwärtig. Dabei wird die gesellschaftliche Diskrepanz in Deutschland, aber auch weltweit, täglich größer. Ein aktuelles Beispiel dafür sind die katastrophalen Bedingungen, unter denen etwa Bauleute im Wüstenstaat Katar an den Anlagen der Fußballweltmeisterschaft 2022 arbeiten müssen. Aber warum findet eine Fußballveranstaltung in der Wüste mit Außentemperaturen im Sommer von etwa 50 Grad Celsius statt?

Die Verantwortlichen werden nicht müde, die getroffene Entscheidung mit dem honoren Ziel der Völkerverständigung zu begründen. Am Ende geht es dann aber doch um nichts anderes als »Haben«. Der Meistbietende macht das Spiel, Geschäftsinteressen lenken die Geschicke, wirtschaftliche Gewinnaussichten den Rest.

Boom-Town schrumpft …

Beeindruckend ist, wie scharfsinnig Fromm schon 1979 – dem Jahr der Erstausgabe des Bandes – skizziert, was sich gesellschaftlich bis heute immer weiter zugespitzt hat. Und unaufhörlich werden Wachstumszahlen präsentiert. Wenn nicht mehr im eigenen Land, dann werden Absatzmärkte auf anderen Kontinent erschlossen. China spielt dabei unter anderem für die deutsche Automobilindustrie und den Maschinenbau eine Schlüsselrolle. Aber wie lange noch und zu welchem Preis? Auch im Reich der Mitte beginnen allmählich Wachstumszahlen zu schrumpfen, weshalb erste Gegenmaßnahmen eingeleitet werden. So soll eine neu geschaffene Freihandelszone in Schanghai die sich abzeichnende Flaute abwenden. Bessere Rahmenbedingungen sollen zahlungskräftige Investoren ins Land locken.

Es regt sich Widerstand

Auf der anderen Seite regt sich – noch als zartes Pflänzchen, dennoch sichtbar – Widerstand. Hiernach wächst bei immer mehr Menschen die Erkenntnis, dass die größte Macht derjenige hat, der sich dem »Haben« entzieht und stattdessen dem »Sein« zuwendet. Denn die Macht des »Homo consumens« ist beachtlich. Konsumenten und Verbraucher sind es, die das System am Laufen halten. Spielen die nicht mehr mit, und verfallen stattdessen im Frommschen Sinne in Passivität, knarrt es im System.

Querdenker in die Verbannung?

Dennoch schickt Fromm Querdenker nicht auf eine einsame Insel. Vielmehr schätzt er die wirtschaftlichen Errungenschaften. Sie sollten auch weiter Bestand haben. Nur die Lieferung immer neuer, dabei aber gleicher Produkte, die lediglich Kauflust wecken sollen, jedoch gegenüber dem vermeintlich alten Produkt nichts Neues bieten, müsse beendet werden. Eine gesunde Wirtschaft orientiere sich nicht am Profit des Unternehmers, sondern an den Bedürfnissen der Menschen.

»Haben oder Sein« von Erich Fromm ist im Deutschen Taschenbuchverlag dtv für 7,90 Euro erschienen. Die 40. Auflage des Bandes kündigt der Verlag für September 2013 an.

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